Samstag, 20. Oktober 2007
Inspired by Wiener Linien
“Schwedenplatz. Ausgang links.” tönt es in der U1 durch die Lautsprecher. Puh, danke für den Hinweis! Ich wüsste nicht, was ich tue, wenn ich rechts stehe, obwohl es bei dieser Station doch nur links nach draußen geht. Weiterfahren, bis ich rechts aussteigen kann?
Ich lasse meinen Blick über die Mitfahrenden schweifen. Einige hier sehen tatsächlich so aus, als würden sie die Hilfestellung tatsächlich gut gebrauchen können. Vor allem diejenigen, die auf der falschen Seite stehen und bei der Station an der sie aussteigen wollen bemerken, dass sie links aussteigen müssen. Daraufhin fallen sie in Panik. Sie quetschen sich durch die anderen Leute durch und rammen einem ihre Taschen/Rucksäcke/Ellbogen in den Bauch. Zu gerne wäre ich manch einem dieser rücksichtslosen Rüpel auf seinem Weg nach draußen behilflich, indem ich ihm mit meiner zusammengerollten Zeitung ein paar Schläge auf den Hinterkopf kloppe. Wozu diese Panik? Hat schon mal jemand was von Leuten gehört, die in der U-Bahn elend verreckt sind, weil sie ihren Ausstieg verpasst haben und nie wieder nach draußen kamen? Nein. Fährt die U-Bahn nach der gewünschten Ausstiegsstelle die Stationen „Ugly Suburbia“, „Äußerster Kreis der Hölle“ oder „Niemandsland – Hier kommst du nicht mehr weg“ an? Nein.
Ich fahre zum Glück nicht täglich mit der U-Bahn und wenn ich doch in einer der Linien lande, verbinde ich das Warten auf den erlösenden Ausstieg mit Soziologiestudien. Ich sehe mir die Leute an, denke mir aus woher sie kommen und wohin sie fahren, sehe mir an welche Kleidung sie tragen, wie man auf die Idee kommt so etwas zu tragen und höre Handygespräche mit. Ja, für mich ist U-Bahn fahren, wie in den Zoo zu gehen.

Beim Schwedinger hüpfe ich aus der Bahn raus und bin mit einem Mal sehr empört über diese Lautsprecherdurchsage von vorhin. Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen, führe seit 26 Jahren eine Beziehung mit dieser Stadt, die hauptsächlich von Hassliebe geprägt ist, weil ich es hasse dass in Wien die Zeit dem Rest der Welt hinterher hinkt, aber gleichzeitig verliebt bin in dieses eigenartige, altmodische Flair dieser Stadt. Also weiß der Kuckuck wie lange ich schon mit der U-Bahn fahre, wie oft ich schon die Lautsprecherdurchsagen gehört habe, bis sie überhört worden sind, weil sie immer da waren, immer gleich geblieben sind und ich sowieso auswendig weiß, wo ich raus muss. Doch dann haben sich die Wiener Linien dazu entschlossen, den Passagieren mitzuteilen, wo sie aussteigen müssen und haben damit ein Stück Gewohnheit verändert. Ich bin also entsprechend verdattert, als ich feststelle, dass sich in unserer Beziehung etwas verändert hat und damit meine ich jetzt nicht zwangsläufig die U-Bahn. Die hat es mir nur bewusst gemacht.

Letztens bin ich am späten Abend in die Innenstadt gegangen und als ich gerade den Karlsplatz überquere fällt mir ein neuer Club auf, das Sass. Wieso geht sowas plötzlich an mir vorüber, ich bin doch sonst immer auf dem neuesten Stand was das Wiener Nachtleben betrifft. Wie lange ist dieser Club schon da, ist er überhaupt neu und wieso verändert sich Wien so still und heimlich? Ich dachte immer, wir könnten uns alles sagen.
Für den Fall, dass wir uns missverstehen mein liebes Wien, ich habe so oft mein definiertes Ego durch deine Gassen getragen und es war immer klar: du hier und ich da. Schattenspiele bei Nacht, Argonauten im langsamen aber stetigem Wandel und jetzt läufst du mir einfach davon? Lass mich nicht so stehen, ich komme ja schon mit. Bei unserem nächsten Date erweitere ich meinen Blickwinkel und versuche, dich aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

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